Ozeanverlag Herold
Ozeanverlag Herold

Aufmarsch in der Adria

Meine Erlebnisse bei der Marine vor und während des Kosovo-Krieges

ISBN 3-8311-2430-2

Preis: 13,60 Euro

231 Seiten

 

Für den jungen Heiko Herold erfüllt sich im Januar 1999 ein Traum, als er an Bord der Fregatte "Rheinland-Pfalz" zu einer fast viermonatigen Mittelmeerfahrt aufbricht. Von Beginn an jedoch überschattet die sich zuspitzende Lage im Kosovo den Einsatz, bis schließlich am 24. März die NATO-Luftschläge gegen Jugoslawien beginnen und auch die "Rheinland-Pfalz" und ihr Verband in die militärischen Operationen in der Adria eingebunden werden. In seinem spannenden Bericht schildert der Autor die wechselvollen Ereignisse an Bord vor und während des Kosovo-Krieges, angefüllt mit persönlichen Erlebnissen. Er gewährt tiefe Einblicke in das Alltagsleben an Bord, im Hafen und auf See, und in die bordinternen Strukturen. Sein Bericht gibt außerdem ein gutes Bild über die Rolle der deutschen Marine im Kosovo-Krieg.

LESEPROBE:

24. März 1999: Ares' Fackeln lodern

Es ist 14 Uhr. Am Ende seiner ernsten Durchsage hat der Kommandant das Schiff in Kriegsmarsch versetzt, einen erhöhten Bereitschaftszustand, der ein relativ rasches Gefechtsklar ermöglicht dadurch, dass alle kriegswichtigen Stationen im Schiff immerzu besetzt sind. Zwei Kriegswachen, die Steuerbord- und die Backbordkriegswache, lösen sich nun gegenseitig ab in einem Sechs-Stunden-Rhythmus. Der Führer des Verbandes, der COMSTANAV­FORMED (Commander Standing Naval Force Mediterranean), Rear-Admiral David Stone, hat erklärt, die Force sei bereit, jeden Auftrag der NATO zu erfüllen und hat auf Anordnung der NATO-Führung den gesamten Verband in Kriegsmarsch versetzt. Sämtliche Waffen sind feuerbereit, das Oberdeck ist gesperrt. Der bordeigene Helikopter hat Flugverbot. Nach der Aussage unseres Kommandanten deutet alles auf einen baldigen NATO-Schlag gegen Serbien. Die Stimmung im Schiff ist angespannt. Gefühle der Beunruhigung mischen sich mit Entschlossenheit, Sorgen mit Kampfbereitschaft.

Ich selbst, der ich als Kantinenverkäufer keiner Kriegsmarschstation zugewiesen bin, somit also Tageswächter bleibe, verspüre ebenfalls ein seltsames Gefühl des Unwohlseins. Vollkommen neue Eindrücke drängen auf mich ein, Eindrücke ganz anderer Natur als die totale Begeisterung, wie zu Beginn dieser Seefahrt und die uneingeschränkte Abenteuerlust, die sich natürlich nicht verloren haben, sie werden viel­mehr ergänzt durch Unbehaglichkeit – wir sind dabei, in einen Krieg verwickelt zu werden, einen Krieg, jenes Gespenst aus den Nachrichten und Büchern, das mich stets erschauern ließ und doch, mittels einer undefinierten Kraft, in seinen Bann zog.

Es ist 16.30 Uhr. Erst wenige Stunden im Kriegs­marsch, geprägt vom Versuch der Orientierung in der aufgewühlten Gedankenflut, sind vergangen, als der Kommandant folgendes bekanntgibt: Ein deutsches Flottendienstboot, die „Oker“, schon seit Dezember 1998 Aufklärungsarbeit für die NATO leistend durch Überwachung der jugoslawischen Aktivitäten im Kosovo (im Rahmen der Operation „Eagle Eye“) bedarf nach Ansicht der NATO-Führung des besonderen Schutzes, da sie ein potenzielles Ziel für einen möglichen Militärschlag der Serben darstellt. Diesen Auftrag erhält unser Verband. Der COMSTANAVFORMED befiehlt die Fregatte „Rheinland-Pfalz“ als Vorauskommando zur „Oker“, die circa 15 sm (1 sm = 1,852 km) von Bari entfernt operiert.

 

Volldampf voraus! Die Gasturbinen sind an­gelaufen, majestätisch brechen sich die Wellen am Bug, der Maschinentelegraph ist auf AK – Äußerste Kraft voraus gelegt und das Schiff eilt mit über 30 Knoten (immerhin fast 60 km/h) dem Bruder zu Hilfe. Gut zehn Stunden wird der Transit dauern, das hat die Navigation errechnet. Das jüngst geschärfte Damoklesschwert droht über der Adria und dem Balkan, das Knistern in der Luft – der Atem des Ares – ist deutlich zu spüren, die An­spannung wächst, der Geist des Einzelnen droht im alles überschwemmenden Meere der hämmernden Ge­danken zu versinken.

Es ist 19 Uhr. Es geht los. Es ist Krieg. Die Luftschläge gegen das serbische Militär be­ginnen in diesen Minuten und erstmals seit dem 08. Mai 1945 nehmen auch wieder deutsche Soldaten an einem Kampfeinsatz teil – vier Tornados der Luft­waffe. Ich kann die Angriffswellen auf den Radar­bildschirmen der Operationszentrale (OPZ) verfolgen, kleine Punkte, ein Schwall von Flugzeugen, die mit ihrer tödlichen Fracht, der Antwort der NATO auf das Scheitern der Verhandlungen in Rambouillet und Paris, scheinbar unaufhaltsam nach Jugoslawien stürzen, ein schicksalsschwerer Schritt mit weit­reichenden Konsequenzen, die zu dieser Zeit wohl keiner mit Sicherheit abzusehen weiß. Wie wird dieser Krieg verlaufen und wie lange wird er dauern? Drohen uns Konfrontationen mit dem jugoslawischen Militär, der Marine oder der Luftwaffe? Diese letzten Stunden lasten schwer auf den Gemütern, denn sie bergen ein hohes Maß an Ungewissheit für die Zukunft, für die nächsten Tage und Wochen, nicht allein für uns, die Besatzung der Fregatte „Rheinland-Pfalz“, sondern für zig tausend Menschen mehr, in Jugoslawien, im Luftraum darüber und vor den Fernseh- und Rundfunkgeräten der Welt. Ein neues Kapitel in der blutigen Geschichte des Balkans ist eröffnet.

 

Ozeanverlag Herold
Wasmannstraße 17
D-22307 Hamburg