Ozeanverlag Herold
Ozeanverlag Herold

KFOR

Mein Einsatz bei der Kosova-Friedenstruppe

ISBN 3-8330-1174-2

Preis: 9,80 Euro

135 Seiten

 

Der Autor war von November 2001 bis April 2002 für das Bataillon "Operative Information" in Prizren/Kosova eingesetzt. Dort arbeitete er als Redakteuroffizier für das Magazin "Dritarja", das von der deutschen KFOR hergestellt und kostenlos an die Bevölkerung im deutschen Sektor Kosovas verteilt wird. Für den Autor war es eine spannende und interessante, wenngleich nicht immer einfache Zeit. Von dieser nun handelt das vorliegende Buch. Es will keine militärische Analyse und detailversessene Darstellung der KFOR-Mission liefern. Vielmehr werden in den einzelnen, in sich abgeschlossenen und unabhängigen Berichten zahlreiche Eindrücke, Erfahrungen und Erlebnisse aus seinem Einsatz dargestellt und beleuchtet, die insgesamt ein anschauliches Bild der Situation Kosovas, der Lebenssituation der deutschen Soldaten vor Ort und schließlich seiner Tätigkeit zeichnen.

LESEPROBE:

Erste Eindrücke von Kosova

Es war 1 Uhr in der Nacht, als ich mit einem Kraftfahrer von Mayen aus in Richtung Leipzig aufbrach. Nach gut fünfeinhalb Stunden Fahrt erreichten wir, ein wenig übernächtigt, den Leipziger Flughafen. Der Fahrer kannte sich nicht aus, stellte den Wagen auf irgendeinem Parkplatz ab und meinte, ich solle das Gepäck aufnehmen und den entsprechenden Terminal zu Fuß suchen. Zum Glück konnte ich ihm diese Schnapsidee ausreden und fand auch bald zwei freundliche Polizisten, die uns weiterhalfen. Kurz nach 7 Uhr setzte mich der Fahrer dann beim gesuchten Terminal ab. Dort waren zwar viele Uniformierte, ich kannte allerdings niemanden. Es war ein trüber Dienstagmorgen, das triste Gesicht des 6. November 2001.


Es sollten noch etwa vier Stunden vergehen, bevor der Luftwaffen-Airbus endlich startete. Mein und meiner Kameraden Gepäck – der Flug war quasi ,ausgebucht’ – war vorher bereits verstaut worden. Es war mein erster Flug seit fast achteinhalb Jahren, abgesehen von einem Helikopterflug über See während meiner Marinezeit 1999. Mir war fast so, als entdeckte ich eine völlig neue Welt. Die meiste Zeit schienen wir über einem Wolkenmeer zu schweben, umspielt vom gleißenden Licht der Sonne. Nur selten riss die Wolkendecke auf, offenbarte uns dann jedoch wunderschöne Landschaften, meist weiträumige Ackerflächen oder zerfurchte Gebirge. Wir flogen über Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien nach Mazedonien.


Kurz vor 13 Uhr, zwei Stunden nach dem Start, landete die Maschine in der mazedonischen Hauptstadt Skopje, die der Bundeswehr als Nachschubbasis auf dem Balkan dient. Wir verließen den Airbus und stiegen um in bereitgestellte Busse, die uns in ein nahegelegenes Areal der mazedonischen Armee brachten. Der NATO ist dort ein gewisser Bereich zugeteilt, wo im Wesentlichen die Gepäckausgabe stattfand und anschließend ein Konvoi über Prishtinë in Richtung Prizren startete.


Zwei Kameraden von der „Operativen Information“ erwarteten mich bereits. Nachdem ich mein Gepäck aufgenommen hatte, führten sie mich zu einem bereitstehenden „Wolf“, einem jeepähnlichen Geländefahrzeug der Bundeswehr. Gegen 14.30 Uhr fuhren wir los, raus aus dem Stützpunkt, ein Stück weit durch Skopje, dann auf eine Autobahn und schließlich über berggesäumte Landstraßen. Es öffnete sich mir eine andere, fremde Welt. Viel Müll lag abseits der Straßen, viele Geschäfte präsentierten sich basarähnlich am Straßenrand und zahlreiche Menschen, ob Kinder oder Greise, überquerten zu Fuß die Autobahn. In Skopje selbst kamen Kinder und bettelten, sobald Fahrzeuge irgendwo anhielten. Sie kletterten bisweilen sogar auf die Führerhäuser von LKWs, andere stürzten mit Putzmitteln zu den Scheiben und reinigten sie. Nach geraumer Zeit gelangten wir zu einem von griechischen KFOR-Truppen bewachten Kontrollpunkt, der die Grenze zu Kosova darstellte.


Wir fuhren insgesamt zweieinhalb Stunden. Die Landschaft Kosovas ist atemberaubend schön. Zerklüftete Gebirgszüge wechseln mit malerischen Ebenen. Wasserfälle und zahlreiche Bäche ergießen sich aus den Bergen hinab in die Täler. Flüsse prägen die Landschaft wie die in den Himmel ragenden, teils schneebedeckten Berggipfel. Nur der allgegenwärtige Müll störte das Bild – und zwar Müll aller Art, von der Plastikflasche bis zum Autowrack.


Manchmal fühlte ich mich in eine andere Zeit zurückversetzt, wenn wir wieder einen Ochsen- oder Pferdekarren überholten. Auffällig waren auch die zahlreichen UÇK-Ehrenmale, über denen stets zumindest eine (der albanischen sehr ähnelnde) ,kosovarische’ Flagge wehte, ein schwarzer Doppelkopfadler auf rotem Grund. Charakteristisch für diese Gedenkstätten sind relativ aufwendige Monumente, die aus einem wogenden Blumenmeer emporragen. Unser Weg führte uns auch durch schwer bewachte Serbenenklaven und viele albanische Dörfer. Wir sahen verfallene und zerstörte Häuser, aber auch Ergebnisse einer regen Bautätigkeit. Faszinierend war für mich nicht nur die atemberaubende Landschaft, sondern besonders Prizren. Entgegen meiner Erwartungen war es eine lebendige und pulsierende Stadt mit regem Geschäftsleben. Viele kleine Läden reihten sich aneinander, vor allem für Textilien, Schuhe und Lederwaren, aber auch für Bücher, Elektro- und Tabakwaren, Fleisch, das ungekühlt in den Schaufenstern hing oder ausgelegt war, Gebäck und andere Lebensmittel. Ich kam bis zum Eingangstor des Feldlagers, welches an einen Berghang bei Prizren gelehnt ist, nicht mehr aus dem Staunen.

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